Botanischer Garten

Pflanzen der Monats 2022

Mai

Mai: Silikat-Glocken-Enzian

Silikat-Glocken-Enzian (Gentiana acaulis L.) mit olivgrünen Flecken in der Blütenglocke.
Silikat-Glocken-Enzian (Gentiana acaulis L.) mit olivgrünen Flecken in der Blütenglocke. Foto: Katja Rembold

Der Silikat-Glocken-Enzian (Gentiana acaulis L.) wird auch oft als Stängelloser Enzian bezeichnet, was der Übersetzung des wissenschaftlichen Namens entspricht. Er gehört zur gleichnamigen Familie der Enziangewächse (Gentianaceae) und kommt in Mittel- und Südeuropa in Höhenlagen von 800-3000m vor.

Verwechslungsgefahr

Leicht könnte man den Silikat-Glocken-Enzian mit dem Kalk-Glocken-Enzian (Gentiana clusii) verwechseln. Beide sehen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich, aber es sind ökologisch vikariierende Arten, also nahe verwandte Arten, die an unterschiedlichen Standorten vorkommen. Ihre bevorzugten Standorte sind namensgebend beim jeweiligen deutschen Namen: Der Silikat-Glocken-Enzian bevorzugt saure Silikatböden und der Kalk-Glocken-Enzian ist an kalkhaltige Böden gebunden. Man erkennt den Silikat-Glocken-Enzian gut an den fünf olivgrünen Flecken im Inneren der Blütenglocke. Ein weiteres Erkennungsmerkmal sind seine Kelchzipfel, die an der Basis eingeschnürt sind und nicht spitz zulaufend wie beim Kalk-Glocken-Enzian.

Sonnenanbeter

Besonders Hummeln und Schmetterlinge bestäuben den Silikat-Glocken-Enzian. Bei Sonnenschein öffnet er seine Blüten tagsüber, wenn diese Bestäuber aktiv sind. Nachts und bei schlechtem Wetter bleiben seine Blüten geschlossen, denn dann ist die Wahrscheinlichkeit gering, bestäubt zu werden und es besteht die Gefahr, dass Nektar und Pollen vom Regen weggewaschen werden. Zudem schützen die geschlossenen Blüten das Blüteninnere vor Frost und Hagel.

Viertel-vor-Enzian

Wegen seiner Blütenbewegungen ist der Silikat-Glocken-Enzian ab dem 13. Mai auch in der Blumenuhr auf der grossen Liegewiese zu sehen. Wenn die Sonne scheint, sind seine Blüten von 06-20 Uhr geöffnet.

April: Gewöhnlicher Judasbaum

Pinke Blüten am mehrjährigen Holz vom Gewöhnliche Judasbaum (Cercis siliquastrum L.) Foto: Katja Rembold
Pinke Blüten am mehrjährigen Holz vom Gewöhnliche Judas-baum (Cercis siliquastrum L.) Foto: Katja Rembold

Wie Erbsen und Bohnen gehört der Gewöhnliche Judasbaum (Cercis siliquastrum L.)  in die Familie der Schmetterlingsblütler (Fabaceae). Die Blüten bestehen aus einem grossen Blütenblatt, der «Fahne», zwei seitlichen, kleinen Blütenblättern, den «Flügeln», und zwei weiteren zusammengewachsenen Blütenblättern, die das «Schiffchen» bilden. Blütenformen also, wie wir sie aus den Gemüsebeeten kennen. Der Gewöhnliche Judasbaum ist von Südeuropa bis Vorderasien heimisch.

Blüten direkt am Holz

Der Judasbaum ist eines der wenigen europäischen Gehölze, welches die Blütenstände direkt am Holz trägt. Diese Kauliflorie kommt fast nur bei tropischen Pflanzenfamilien vor. Beim Gewöhnlichen Judasbaum wachsen die pinken Blüten in Büscheln am Stamm und mehrjährigen Ästen, wo nach erfolgreicher Bestäubung rötlich-braune Hülsenfrüchte wachsen. Die Blüten erscheinen vor den rundlichen Blättern.

Biblischer Name

Zum deutschen Name «Judasbaum» gibt es viele Legenden. Eine davon besagt, dass sich Judas nach dem Verrat an Jesus an einem solchen Baum erhängt haben soll, worauf sich die Blüten vor Scham rot verfärbten.

Vielseitiger Nutzen

Die beliebte Zierpflanze wird in Gärten wegen ihrer Schönheit, aber auch als Futterpflanze für Honigbienen gerne gepflanzt. Wir Menschen können die süsslich-sauren Blüten z.B. in Salaten essen und die Blütenknospen eingelegt als Gewürz verwenden. Der Gewöhnliche Judasbaum bietet aber noch viel mehr: In der Türkei dienen die Blüte als Antiseptikum, im Iran werden Blatt-Extrakte bei Malaria, Anämie und Stress eingesetzt, in Syrien sind Blütenessenz Teil eines verdauungsfördernden und antiseptischen Tees und auch in Palästina ist der Judasbaum eine vielseitig eingesetzte, traditionelle Heilpflanze. Eine wissenschaftliche Studie von 2019 hat nachgewiesen, dass Blüten- und Blattextrakte antimikrobielle und antioxidative Eigenschaften besitzen und den DNA-Zyklus von Brustkrebs hemmen können. Die Möglichkeit ein solches Extrakt im Kampf gegen Brustkrebs einzusetzen wird momentan weiter erforscht.

Der Gewöhnliche Judasbaum ist im Freiland beim Mittelmeergebiet und beim Heilpflanzengarten zu finden.

März: Seerosen-Tulpe

Seerosen-Tulpe (Tulipa kaufmanniana REGEL)
Seerosen-Tulpe (Tulipa kaufmanniana REGEL) im Steppenhaus. Foto: Katja Rembold

Den Startschuss zum jährlichen Blütenmeer im Steppenhaus macht die Seerosen-Tulpe (Tulipa kaufmanniana Regel). Sie stammt aus dem Gebirge des östlichen Taschkents sowie Taboschar. Im Steppenhaus blühen von März bis April über 40 verschiedene Tulpenarten. Das Hauptverbreitungsgebiet der ca. 150 bekannten Tulpen-Wildarten liegt im östlichen Mittelmeerraum und in Zentralasien. Im Steppenhaus werden Tulpen der asiatischen Steppen gezeigt. Tulpen also, die mit kalten, rauen Wintern, milden, feuchten Frühlingen und trockenen Sommern zurechtkommen.

Vielschichtige Zwiebeln

Eine Tulpenzwiebel ist eine in verdickte Blätter verpackte Knospe. Gut versorgt durch die Nährstoffvorräte in den Zwiebelblättern wächst im Frühling aus der Knospe in rasantem Tempo eine Tulpe heran. Sie will möglichst viel Photosynthese betreiben, bevor die Sommertrockenheit die Pflanze zum Rückzug ins Erdreich zwingt. Sie kann so neue Tochterzwiebeln produzieren, die die trockenen Sommer und rauen Winter geschützt unter der Erde verbringen.

Bunte Turbane

Es lässt sich kaum bestreiten, dass die Blüten mit ihren knalligen Farben und der zylinderartigen Form an eine turban-ähnliche Kopfbedeckung erinnern. So stammt denn auch der Name je nach Quelle vom türkischen «Tülbent» oder dem persischen «Dulbant» ab, was so viel wie Turban bedeutet.

Tulipomanie

Um 1570 kam die erste Tulpenzwiebel nach Holland und löste eine regelrechte Tulipomanie aus, die im frühen 17. Jh. nahezu groteske Formen annahm. Es wurden Tulpen in verschiedensten Farben gezüchtet – besonders beliebt waren durch das Tabakmosaikvirus hervorgerufene flammenartige Farbverläufe, die nicht nachgezüchtet werden konnten. Zum Höhepunkt bezahlte man für einige Tulpenzwiebeln fast dreimal so viel wie für ein Haus. Dies war kein nachhaltiges Geschäft und führte zur ersten Spekulationsblase der Geschichte. Die Beliebtheit der Tulpen ist bis heute ungebrochen – mittlerweile gibt es über 4000 gezüchtete Sorten.

Februar: Kleines Schneeglöckchen

Galanthus nivalis (Kleines Schneeglöckchen)
Die grüne Zeichnung auf den inneren Blütenblättern ist ein wichtiges Merkmal für die Bestimmung der sehr ähnlichen Schneeglöckchen-Arten und -Sorten. Foto: Silvan Glauser

Das Kleine Schneeglöckchen (Galanthus nivalis L.), ein zu den Amaryllisgewächsen gehörender Winterblüher, zeigt seine weissen, frostharten Blüten in milden Wintern einzeln bereits im Dezember oder Januar. Spätestens im Februar bilden sie in den Wiesen des BOGA während der ersten milderen Tagen spektakuläre weisse Teppiche und sind so erste Boten eines nahenden Frühlings.

Erstes Futter für Frühaufsteher

Dank der frühen Blühphase ist das Kleine Schneeglöckchen für die ersten Insekten des Jahres eine wichtige Nahrungsquelle. Interessant ist, wie sie den Weg zur Nahrung finden: Die Blüten sind dank starker UV-Reflektion auch im Schnee erkennbar. Bei der Blüte angekommen, duften die inneren Blütenblätter stärker als die äusseren, was den Insekten den Weg zu Nektar und Pollen weist.

Wertvolle Züchtungen

Schneeglöckchen sind beliebte Zierpflanzen. Obwohl es nur 20 natürliche Arten gibt, existieren heute, je nach Quelle, zwischen 500-1000 gezüchtete Sorten. Die Sorten unterscheiden sich durch die grüne Zeichnung auf den Blütenblättern, die Füllung der Blüten oder deren Färbung. Die wertvollste Schneeglöckchen-Sorte ist Galanthus woronowii ‘Elizabeth Harrison’. Eine Zwiebel dieser Sorte wurde im Jahr 2012 für 1050.- ersteigert.

Geschützte Schönheit

Das Kleine Schneeglöckchen ist in Mittel- und Südeuropa bis Westasien verbreitet und in Mitteleuropa die einzige natürliche Schneeglöckchen-Art. Die natürlichen Vorkommen der beliebten Zierpflanze sind kleiner als man denkt, sieht man sie und ihre Sorten doch im Frühling in jeder Garten- und Parkanlage. Obwohl das Kleine Schneeglöckchen momentan nicht vom Aussterben bedroht ist, wird der Handel mittels CITES1 kontrolliert. Dies schützt die natürlichen Vorkommen vor Ausbeutung durch den intensiven Handel.  

Gegen Demenz

Das Kleine Schneeglöckchen enthält für den Menschen giftige Alkaloide. Das Alkaloid Galanthamin ist jedoch auch ein Heilmittel, welches das Fortschreiten von Demenz und Alzheimer aufhalten kann.

Januar: Winterblüte

Winterblüte (Chimonanthus praecox (L.) LINK)
Die hängenden Blüten der Winterblüte (Chimonanthus praecox (L.) LINK) an den kahlen Ästen. Foto: Katja Rembold

Die Winterblüte (Chimonanthus praecox (L.) Link) stammt aus den Bergwäldern Chinas. Von dort wurde sie als Zier- und Heilpflanze nach Japan und Korea gebracht. Später gelangte sie auch nach Amerika und Australien und Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie nach Europa gebracht.

Blütenpracht mitten im kalten Winter

Die Winterblüte behält ihr Herbstlaub bis spät in den Winter hinein und wirft ihr Laub erst im Dezember oder Januar ab. Kurz darauf erscheinen an den kahlen Ästen die zierlichen, hängenden Blüten. Diese «Winterbluescht» bleibt bis kurz vor dem Austrieb der neuen Blätter im März erhalten. Auf die Blüten, die im Winter erscheinen, weisst auch der wissenschaftliche Name hin. So heisst «cheimon» Winter und «anthos» Blüte. Und «praecox», was so viel wie «vorzeitig» heisst, deutet auf das Erscheinen der Blüten vor den Blättern hin.

Zitronig, würzig und doch süss!

Die Blütenblätter der kleinen und eher unauffälligen Blüten sind aussen gelblich-weiss und innen purpurn geadert. Der Strauch fällt aber weniger durch seine Blüten auf, sondern vielmehr durch deren angenehmen, süsslichen Duft. Er besteht aus mehr als 30 verschiedenen Duftmolekülen. Durch die komplexe Zusammensetzung ist der Duft kaum mit einem anderen zu vergleichen. Er ist ein spannendes und gut ausgeglichenes Spiel aus Süsse, zitroniger Säure und einer gewissen Würze. Besonders an sonnigen Tagen steigt er bereits beim Vorbeigehen in die Nase. So lockt er auch die wenigen Insekten an, die im Winter an den sonnigen Tagen unterwegs sind. Diesen bietet er eine wertvolle Nahrungsquelle und wird im Gegenzug von ihnen bestäubt.

Heilender Duft gegen den Winterblues

Der angenehme Duft der Blüten wird in der Parfumindustrie genutzt und in Form eines ätherischen Öls soll er bei depressiven Verstimmungen helfen. Als Tee werden die Blüten in China und Japan gegen verschiedenste Beschwerden, wie zum Beispiel Erkältungen, als Heilpflanze eingesetzt. Ganz besonders lecker soll ein Tee aus denjenigen Blüten sein, deren innere Blütenblätter nur wenig purpurn verfärbt sind.