Botanischer Garten

Pflanzen im Fokus

Pflanze des Monats 2024

Turkmenische Alraune (Mandragora turcomanica Mizgir.)

Pünktlich auf den Frühlingsanfang öffnet die Turkmenische Alraune ihre violetten Blüten, die eine geheimnisvolle Aura verströmen. Foto: Adrian Möhl

Wer in diesen ersten Frühlingstagen ins Steppenhaus tritt, wird von einem farbigen Blumenreigen empfangen. Es duellieren sich leuchtende Tulpen mit grazilen Schwertlilien, zarte Bisamhyazinthen verströmen einen süssen Duft und Schachbrettblumen schaukeln ihre Köpfchen im Frühlingswind. Eine thront mittendrin und wirkt irgendwie dennoch fehl am Platz: Es ist die Turkmenische Alraune.

Seltenes Nachtschattengewächs

Die dunkeln Blüten und die mangoldähnlichen Blätter sind im Steppenhaus eher eine ungewöhnliche Erscheinung. Hier sind die Pflanzen eher schmalblättrig, zierlich, elegant. Dennoch ist die Turkmenische Alraune eine echte Steppenpflanze. Beheimatet ist sie im Kopet-Dag-Gebirge, einem Gebirgszug zwischen Turkmenistan und dem Iran. In den Wintermonaten entwickeln sich ihre grossen, dunkelgrünen Blätter und meist blüht sie auch in den feuchten Winter- und Frühlingsmonaten. Wenn hingegen die heissen Steppenwinde im Sommer durch das Gebirge fegen, fällt sie in einen sommerlichen Dornröschenschlaf. Die Turkmenische Alraune ist eine Rarität: Bei einer Zählung in den 90er Jahren wurden weit weniger als 1000 Exemplare in der Wildnis gezählt und sie gilt als vom Aussterben bedroht.

Schreiende Wurzeln und süsses Gift

Zur Mythologie der Alraunen (Gattung Mandragora) könnten Bücher gefüllt werden. Allen drei beschriebenen Mandragora-Arten ist gemeinsam, dass sie giftig sind und aussergewöhnlich geformte Wurzeln haben, die menschenähnliche Formen haben. Früher glaubte man, dass diese «Männchen» einen todbringenden Schrei ausstossen, wenn sie aus dem Boden gezogen werden – ein Glaube, der es mit den Harry-Potter-Bänden bis in die Neuzeit geschafft hat. Die Turkmenische Alraune wurde auch medizinisch und sogar als Nahrungsmittel verwendet – erstaunlich, ist doch die ganze Pflanze und auch ihre süssen Früchte sehr giftig. Bei einem Augenschmaus im Steppenhaus besteht allerdings keine Gefahr.

Februar: Rosa Paukenschlegel (Isopogon formosus R.BR.)

Rosa Paukenschlegel (<i>Isopogon formosus</i>)
Ein Blütenstand wie aus einer anderen Welt: der Rosa Paukenschlegel fühlt sich im neuen Gondwanahaus sichtlich wohl und dankt es – mitten in der eisigen Jahreszeit – mit zahlreichen Blüten. Foto: Adrian Möhl

Die Verwirrung fängt beim deutschen Namen an: Rosa Paukenschlegel, Australische Buschblüte oder vielleicht doch eher, in Anlehnung an den wissenschaftlichen Namen, Schöner Gleichbart? Sicher ist, an den rosa Blütenständen im Gondwanahaus lässt sich im Februar nicht einfach vorbeigehen!

Göttliche Australierin mit Bart  

Vieles an Isopogon formosus kann verwirren: Sind die rosafarbenen Gebilde mit den gelben Enden tatsächlich Blüten – oder hat da jemand in fastnächtlichem Übermut das Gondwanahaus dekoriert? Was sollen diese seltsamen Blätter, die wie geometrische Plastikkonstruktionen anmuten? Und wie soll man diese Pflanze aus der Familie der Silberbaumgewächse auf Deutsch korrekt nennen? Silberbaumgewächse tragen den wissenschaftlichen Namen Proteaceae. Sie sind nach dem griechischen Gott Proteus benannt, welcher dafür bekannt war, dass er oft seine Gestalt verändert. Zu der vielgestaltigen Familie passt der Name bestens. Übersetzt man den lateinischen Artnamen, kommt dies dabei heraus: iso = gleich; pogon = Bart (wegen den behaarten Blüten) und formosus = ansehnlich oder schön; zusammen also «Schöner Gleichbart». Tatsächlich hat die Art aber keinen deutschen Namen und so kann man, ausgehend vom australischen «pink drumstick», genauso gut «Rosa Paukenschlegel» verwenden.

Heimat Westaustralien

Die ungewöhnliche Pflanze ist südlich von Perth im mediterranen Westaustralien zu Hause, wo sie im Südsommer blüht und regelmässig in den Eukalyptuswäldern anzutreffen ist. Genügsam wie sie ist, gedeiht sie auch auf kargen Granitböden. Mit kühleren Temperaturen kommt sie zurecht, hingegen ist sie sehr empfindlich auf Bodenfeuchte, Kalzium und Phosphor. Als Zimmerpflanze ungeeignet geniesst man sie am besten im Berner Gondwanahaus.

Januar: Sulawesi-Kannenpflanze (Nepenthes eymae SH.KURATA)

Sulawesi-Kannenpflanze (<i>Nepenthes eymae</i>)
Die verhängnisvollen Fallen der Sulawesi-Kannenpflanze schauen auf den ersten Blick sehr dekorativ und harmlos aus. Foto: Adrian Möhl

Januar ist der perfekte Monat, um der üppigen Tropenflora im Botanischen Garten Bern einen Besuch abzustatten. Wenn draussen alles im Winterschlaf ruht, dann ist eine Exkursion in die vielfältige Dschungelvegetation genau das richtige – insbesondere, da einem lange Reisen und Gefahren erspart bleiben. Vor karnivoren Pflanzen müssen sich zwar auch echte Tropenreisende nicht fürchten, doch die «göttliche Ordnung» des Fressens-und-Gefressenwerdens stellen diese faszinierenden Gewächse immer wieder auf den Kopf. Und so kann man an den Fallen der Sulawesi-Kannenpflanze (Nepenthes eymae) in der Vitrine im Orchideenhaus nicht einfach vorbeiziehen: Die zu Gefässen umfunktionierten Blätter gehören zum Seltsamsten, was das Pflanzenreich hervorgebracht hat.

Kind der Tropen

Der holländische Botaniker Pierre Joseph Eyma entdeckte und sammelte die Art 1938 im Herzen der heute zu Indonesien gehörenden Insel Sulawesi ein erstes Mal für die Wissenschaft. Formell wurde die Art aber erst rund 50 Jahre später beschrieben. Der wissenschaftliche Name ehrt Eyma, der ein Pionier der Tropenbotanik Indonesiens war. In der Natur kann die Kletterpflanze bis acht Meter lang werden. Typisch für Kannenpflanzen sind die umgeformten Blätter, wobei die Kannen am Boden meist ganz anders aussehen, als die der kletternden Triebe. Wie alle Kannenpflanzen wächst Nepenthes eymae mit einem «Zubrot» aus tierischen Proteinen besonders gut.

Bizarre Welt der Kannenpflanzen

Die Kannen dieser Art sind auf der Innenseite mit einem klebrigen, zähflüssigen Belag versehen, der wie ein Fliegenpapier wirkt. Gefangene Insekten gleiten nach unten in die Verdauungsflüssigkeit, wo sie zersetzt werden. Andere Kannenpflanzenarten nutzen noch weitere Tricks, um an tierischen Dünger zu gelangen, etwa indem sie Fledermäusen einen Tages-Unterschlupf anbieten und vom zurückgelassenen Tierkot profitieren.